Malte Klingenhäger

Heimat

Malte Klingenhäger Kurzgeschichte: HeimatIch sitze mit leichten Kopfschmerzen im Regionalzug der Wiederkehr. Mein Finger bohrt im brüchigen Sitzpolster. Wenn ein Freitag im November überraschen will, lässt er die Sonne scheinen, denke ich, während der orange Ball hinter einem Hügel verschwindet und die Sicht nach draußen trüber wird. Bald spiegelt sich nur noch mein Gesicht in der Scheibe. Ich kenne sowohl Ziel als auch Weg dieser Reise, sodass die Erinnerung hervortritt, wo die Gegenwart nichts Neues bietet. Zum Beispiel dieser kleine Bahnhof, an dem der Zug grade steht, ohne Bedachung und leer. Hier ist ein Vorort meiner Heimat. Ein ehemaliger Klassenkamerad wohnte hier. Ich habe ihn manchmal besucht. An den Tagen, an denen wir Klassenarbeiten zurück bekamen, versuchte er mich in den Pausen dazu zu überreden, nach der Schule mit zu ihm zu kommen. Seine Eltern waren milder mit ihm, wenn Besuch da war. Sie haben ihn nicht geschlagen – zumindest nicht, dass ich wüsste – doch ihre Erwartungen reichten aus, ihn bei jeder 4 verzweifeln zu lassen. Entsprechend kühl und feindselig war die Stimmung dann, wenn ich bei dieser Familie am Esstisch saß. Sein Zimmer war nicht einladender: eine unbespielte Bühne, schön dekoriert aber leblos. Ich fühlte mich bei dieser Familie nirgends wohl, so dass ich schon bald keine Lust mehr hatte, ihm meine Nachmittage zu opfern und mir obskure Entschuldigungen ausdachte, um ihn nicht begleiten zu müssen: Ich muss das Glücksrad beim Sommerfest drehen. Ich bin in meinem Häkelkurs mit Plätzchenbacken dran. Meine Katze hat gestern ein lebendiges Meerschweinchen angeschleppt, das ich heute beim Tierarzt impfen lasse, damit keiner bei uns Kanickelmumps oder sowas bekommt. Ich glaube, ich fühlte mich bloß hilflos, obwohl ich ja durchaus einen Unterschied hätte machen können. Aber das kam mir damals nicht in den Sinn. Ich wende mich vom Fenster ab, als der Zug losruckt. Statt meinem Spiegelbild weiter schuldbewusst in die Augen zu starren, blicke ich nun auf das Plakat, das am Raumteiler klebt. Es bewirbt einen Vortrag im Rathaus: „Stadtkonzept gesundschrumpfen“. Das ist so ziemlich das Letzte, das ich über meine Heimat lesen möchte, wenn ich mit jedem Meter Heimkehr die Erosion der Persönlichkeit spüre, die ich mir so mühsam zusammengeklaubt habe, seitdem ich diese Stadt für das Studium verließ. Als ich später am Hauptbahnhof durch die Unterführung laufe, hat die Stadt den roten Teppich des Uringeruchs und der Obdachlosen schon für mich ausgerollt. Menschen laufen an mir vorbei, hin und wieder glaube ich, ihre Blicke zu spüren, als ob ich ihnen fremd vorkäme, doch das wird wohl Einbildung sein.

Mein Treffen mit Andre ist erst Morgen und weil ich die Nacht nicht bei meinen Eltern verbringen will, hocke ich nun auf dem Nikotinsofa im Nikotinzimmer des zigarettendrehenden Niklas, eher einem Bekannten als einem Freund, den ich über irgendwen irgendwann kennengelernt habe und der einer der wenigen ist, die immer noch hier wohnen. Das ist noch abgewrackter, als schon wieder hier zu wohnen, für mich jedoch entspannter. Ich bin schon etwas Besonderes, weil ich von außerhalb komme, mehr Selbstpräsentation ist gar nicht nötig – ich glänze im Licht der vergangenen Anreise. Mag sein, dass die Vergangenheit eines Menschen das Fundament seiner Persönlichkeit bildet, aber wer sich nach einiger Abstinenz wieder in ihr bewegt, fühlt sich wie auf dem Prüfstand: Wie weit hat er sich von ihr gelöst? Ist er ihr entwachsen? Entkommen?
Viele Fragen, doch Niklas – arbeitslos, in einer kleinen Welt gefangen, in der eine Sammlung von Coladosen Stoff für einen begeisterten Monolog bietet, Niklas, der kaum Freunde hat und nur selten Überlebende unter seinen Haustieren – dieser ungesund bleiche Niklas darf sich kein Urteil erlauben. Weder über das, was ich war, noch was ich wurde, oder über das Zerrbild, das ich derzeit abgebe. Dafür offenbart er mir grade, dass er das Originalrezept von Coca-Cola – das mit dem Kokain drin – in einem Buch gefunden hat, das er nun unter seinem Bett lagert. Ob er es mir zeigen solle? Ich beweise ihm mittels meines kleinen Smartphonedisplays, dass sich dieses Rezept auch auf Wikipedia findet. Ich bin Ursache und Zeuge des Momentes, in dem sein Rest Originalität an der Realität zerschellt und irgendwie freue ich mich darüber, seine Begeisterung so gegen die Wand fahren zu lassen. Auf einmal bin ich wieder der egoistische Mistkerl, der seinen Klassenkameraden an die Eltern auslieferte und erschrecke vor mir selbst. Den Rest des Abends höre ich ihm aufmerksamer zu und lächle mehr, als nötig wäre, besser fühle ich mich dadurch aber nicht.

Tags darauf wirkt die Stadt im Filter eines steten Nieselregens abweisend und bitter. Andre weiß nicht, dass ich von hier stamme und mir dämmert, warum ich es ihm verheimlicht habe. Oder warum ich für unser Treffen dieses untypisch feine Café ausgesucht habe, auf dessen neuen, aber unbequemen Sitzen wir nun hocken und das Drehbuch durchsprechen, das ich geschrieben habe.

Wir könnten uns ja in der Mitte der Republik treffen, dann hätte es keiner so weit.

Eine gute Idee, wie wäre es dort? Dort habe ich Übernachtungsmöglichkeiten.

Übernachtungsmöglichkeiten. So kann man es natürlich auch ausdrücken, dass man an diesem Fleck die ersten 18 Jahre seines Lebens verbracht hat. Eine sterbende Stadt ist eine eher melancholische Kulisse für das Theater, in dessen Mittelpunkt man sich als Teenager so sieht. Als Andre allerdings zwischendurch das Drehbuch beiseitelegt und sich bei einem belegten Brötchen über den hässlichen Bahnhof echauffiert, an dem er vor einer guten Stunde ankam, da muss ich mich doch zurückhalten, keine emotionale Verteidigungsrede zu halten. Statt zu antworten, stelle ich noch ein paar Fragen. Kritik an der Heimat ist wie Kritik an der Familie – einem selbst vorbehalten.

Die Rückfahrt habe ich mir über eine Mitfahrzentrale organisiert, der Weg ist mit dem Auto eine gute halbe Stunde kürzer. Ich habe immer etwas Sorge, mit wem ich dann fahren muss, aber heute bin ich zufrieden. Das Auto ist alt aber gut in Schuss, die Ledersitze riechen frisch, Brigitte, so heißt die Fahrerin, fährt zügig, aber nicht lebensmüde. Ich selbst hatte mal wen im Auto sitzen, der mir auf Hälfte der Strecke erzählte, er habe seine Pillen seit Wochen nicht genommen. Ich bemühe mich, bei Brigitte einen besseren Eindruck zu machen. Aber ich bin euphorisch und plappere viel. Die Reise hat sich gelohnt. Andre war ganz angetan von meinem Werk. Er sagte, grade die Details des düsteren und dysfunktionalen urbanen Settings hätten ihn überzeugt. Darüber muss ich doch ein bisschen lachen, jetzt, während der Rückkehr in meine Gegenwart.

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