(Malte Klingenhäger)

Einige Wochen später saßen Bao und Juan wieder zusammen im Pausenraum und schwiegen. Bao hatte Juan direkt Tag nach ihrem kurzen Gespräch deutlich zu verstehen gegeben, was er von dessen dussligen Ideen hielt. Seitdem hatten sie nicht mehr viel miteinander gesprochen. Zu allem Überfluss waren sie in der Ladephase der Henne das einzige Personal, das im sonst vollautomatisierten Komplex nach dem Rechten sah. Erst in einer Woche würden wieder einige Beamte einfallen und alles für die nächste Nachricht in die Vergangenheit vorbereiten. Es würde eine lange Woche werden. Mitunter war die Stimmung richtig feindselig und Bao glaubte ab und an zu spüren, wie sich vernichtende Blicke in seinen Nacken bohrten, wenn er seinem Kollegen den Rücken zuwandte. So wie grade, als Bao an einigen Softwareberichten saß und Juan heimlich über das spiegelnde Display seines Terminals beobachtete. Leider konnte er die Augen des Technikers nicht sehen, denn der versteckte sein Gesicht hinter einer Folienzeitung. Bao atmete tief durch und stockte dann. Hatte Juan ihm gerade etwas in den Kaffee geworfen? Er ließ sich nichts anmerken, als er sich auf seinem Stuhl umdrehte und den Kaffee nahm. Bloß der blonde Haarschopf lugte über Juans Zeitung hervor. Bao nahm den Kaffee und drehte sich wieder zum Display. Er tat so, als würde er trinken und riskierte einen vorsichtigen Blick in die Tasse. In der Flüssigkeit schien nichts zu schwimmen, aber sie roch anders. Aus dem Augenwinkel sah er in der Reflektion, wie Juan seine Zeitung senkte. Kalte Wut erfasste Bao. Ohne weiteres Nachdenken drehte er sich herum und schleuderte seinem Kollegen die Kaffeetasse ins Gesicht. Juan fiel vor Schreck von seinem Stuhl, während Bao sich über ihm aufrichtete und schrie:“ Was für einen Dreck hast du mir in den Kaffee geworfen?“
Zu Baos Schrecken griff der junge Mann statt zu antworten nach seinem Taser und versuchte dem älteren Techniker gleichzeitig die Beine wegzutreten. Bao ließ sich hinter den Tisch fallen und griff nach seinem eigenen. Das blaue Licht des Schockers fegte über seinen Kopf und kribbelte auf seiner Kopfhaut. Blind schoss er über den Tisch zurück, hörte aber zeitgleich das Zischen der Korridortür und wagte einen seitlichen Blick durch den Raum. Zwischen den wieder zugleitenden Türen blitzte noch einmal ein blaues Licht auf, krachte aber eher ungezielt an die gegenüberliegende Wand. Bao wartete trotzdem einen Augenblick, bevor er sich aufrappelte und zur Tür schlich. Er rief über Funk die Wachmannschaft des Außendienstes zur Verstärkung. Draußen hörte er einen der Scooter summen, mit denen sie die großen Entfernungen der Henne auf ihren Touren zurücklegte. Was hatte Juan vor? Bao öffnete die Tür und blickte vorsichtig um die Ecke. In weiter Ferne sah er den aneren Mann auf einem Scooter in Richtung der Übertragungskammer rasen. Kurzentschlossen sprang Bao auf seine eigene Maschine. Die mächtigen Energieschienen, welche die Unmengen an Energie, die in der Übertragungskammer für eine Sendung benötigt wurden, in fast einem einzigen Puls transportieren konnten, bildeten den Highway, auf dem Bao seinem Kollegen jetzt hinterherjagte. Doch auch wenn er es schaffte, sich ihm zu nähern, so würde er ihn kaum noch einholen können. Allerdungs musste der junge Techniker am Ende der Strecke abbremsen und dann …
Wenige Augenblicke später kam tatsächlich die schwere Stahlit-Tür in Sicht, die den Zugang zur Übertragungskammer bildete. Im Abbremsen drehte Juan sich zu Bao um und gab einen weiteren Schuss ab, der jedoch abermals danebenging. Dafür geriet der junge Mann auf seinem Scooter ein wenig ins trudeln, was Bao veranlasste, noch ein wenig mehr Gas zu geben und seinen Kollegen kurz darauf mit einer Wucht zu rammen, die sie beide von ihren Maschinen schleuderte. Sie rutschten auf dem Boden in Richtung der Kammertür, gegen die sie mit einer solcher Wucht prallten, dass zumindest Bao kurz schwarz vor Augen wurde. Als er wieder zu sich kam, sah er Juan über sich stehen – einen großen, schweren Justierschlüssel in der Hand.
„Warum hast du nicht einfach deinen Kaffee getrunken und geschlafen, Alter Mann?“ fragte er verächtlich.
„Weil ich von Kaffee bloß wach werde“, hustete Bao lachend. Er hatte es immerhin versucht. Was auch immer Juan vorhatte, ihm fehlte die Kraft ihn aufzuhalten. Der junge Techniker schwang den Justierschlüssel über den Kopf. Bao schloss seine Augen. Es krachte und ein Blitz blendete den am Boden liegenden Techniker.
Einen kurzen Augenblick später wurde der bewusstlose Juan von einigen Sicherheitsleuten forttrugen, während der Chef der Wachmannschaft, ein Norweger namens Kobe, Bao auf die Beine half.
„Sie waren schon hier?“ krächzte der ältere Sicherheitstechniker.
„Wir sind vor zwei Wochen über das Ei gewarnt worden. Wir wussten nur nicht, was genau der Notfall sein würde, gingen aber von einem Anschlag aus und haben heimlich die Sicherheit erhöht. Wir kannten die Uhrzeit.“
„Was hatte er vor?“ fragte Bao und zeigte auf seinen bewusstlosen Kollegen.
„Er hatte einen Computer dabei. Vielleicht Sabotage, wahrscheinlich wollte er aber eine Nachricht direkt in der Kammer einspeisen. Hätte ihn das Leben gekostet, wenn die Energie da durchgepumpt wäre.“
„Ich hätte mir den Stunt also sparen können?“
Kobe schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid, dass wir sie nicht warnen konnten, aber die Warnungen aus der Zukunft sind leider wenig detailliert. Ist ja alles gutgegangen.“ Der Wachmann drehte sich zu seinen Leuten um und gab ein paar Befehle. Bao lehnte sich an eine der Energieschienen und schloss für einen Moment die Augen.
So lief das nun: Er rettete die Henne und die Henne rettete ihn. Es gab also einen Gott. Ab jetzt jeden Tag auf’s neue.

Zurück zur letzten Entscheidung.

br /