Einträge von Sarah Chiyad

Schlaflos in Münster

In meinem Appartement hat sich etwas eingenistet. Es hat einen eigenen Herzschlag, schneller als mein eigener. Es lässt mich nicht schlafen, so laut ist es. So fordernd. Doch wenn ich es suche, ist es plötzlich still. Was es ist und wie ich es zuerst gefunden habe, davon handelt diese Geschichte.

Circus

„Bin ich zu spät?“, fragte Mina. Das abgewetzte Zirkuszelt, in das sie gerade eingetreten war, flatterte im auffrischenden Wind.
„Ah, bonjour petit madame. Zu spät? Was heißt zu spät? Komm näher.“ Der große Jean Marseille saß auf der untersten Ebene der Zuschauertribüne. Sein geschminktes Gesicht lag zur Hälfte im Schatten. Der falsche Mund wirkte in dem schwachen Licht blutrot. Als hätte man ihn aufgeschnitten, dachte Mina und bereute beinahe, dass sie gekommen war.

Reset

Ich falle nicht. Das ist unerwartet, ein bisschen gruselig. Irgendwie bin ich in der Luft stecken geblieben. Aber ich werfe noch einen Schatten, bin also noch ein fester Körper – so I got that going for me, which is nice.

Entscheidung

Plötzlich gibt es mich zwei Mal. Das eine Ich, das gerade eben zerzaust und mit tränenden Augen in die Küche geschlichen kam und das zweite, das unterhalb der Schultern aufhört und wie die Perversion einer antiken Büste auf der geblümten WG-Tischdecke drapiert ist. Eigentlich hätte ich damit rechnen, mir eine Strategie zurechtlegen müssen. Aber ich stehe nur da und kratze meinen Morgendutt, der wie ein Betrunkener hin und her schwankt.

Neulich beim Optiker

Carla, die rasende Verkäuferin eines namhaften Brillenunternehmens tritt an den Schalter, an dem ich mich erst seit einer halben Stunde aufhalte. Sie ist von zierlicher Gestalt, Ende 20, mit dunklem Wuschelkopf und massiver schwarzer Nerdbrille auf der Nase. Hinter dem Gestell zucken ihre Erdmännchenaugen mitsamt des rundlichen Kopfes mal hierhin mal dorthin. Ein schielender Blick könnte nicht uneindeutiger sein.

Die rote Tür

Kein rosa Lichtschein, kein glitzernder Feenstaub kündigten ihr Erscheinen an. Irgendwann stand sie einfach in seinem Büro, nicht mehr ganz jung vielleicht, mit kleinen Fältchen um die Mundwinkel. Statt Flügel zierten die abgewetzten Riemen eines roten Rucksacks ihre schmalen Schultern und statt eines Zauberstabs hielt sie eine halb gerauchte Zigarette in der einen Hand und ein halb zerknülltes Rubbellos in der anderen.